Herrenalber Gebetbuch – Kostbarkeit aus dem Mittelalter

 

Das geheimnisvolle Herrenalber Gebetbuch

 

 

Kostbarkeit aus dem Mittelalter - nun als Faksimile erhältlich

„Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will.“ Das Zitat des großen Theologen und Philosophen Albert Schweitzer scheint im Fall des Herrenalber Gebetbuches durchaus stimmig zu sein. Denn wer erwartet schon auf der Frankfurter Buchmesse einen Hinweis auf das Herrenalber Gebetbuch aus dem Mittelalter?

2015 präsentieren aus über 100 Ländern rund 7.100 Aussteller ihre Bücher, Ideen und Konzepte, darunter auch die Spanier Alberto Sánchez Nieto und Jorge Férnandez Pardo, die auf ihrem Messestand das signifikante Plakat mit der großen Aufschrift „Devocionario cisterciense de Herrenalb“ zur Schau stellen.

„Das Gebetbuch der Zisterzienser in Herrenalb“, so die wörtliche Übersetzung der Plakataufschrift, fasziniert durch die vielfigurige Komposition der strahlend bunten Darstellung. Gezeigt wird Christus vor Pilatus, der mit den Worten "Ecce homo!" (Seht, welch ein Mensch!) den gegeißelten Jesus dem jüdischen Volk vorstellt. Pilatus, der das Volk entscheiden lässt was mit Jesu geschehen soll wäscht dabei seine Hände in Unschuld. Neben Astronomischen Texten, Bibeln und reproduzierten Erstausgaben von Werken aus der Weltliteratur vertreibt das spanische Unternehmen Editionen nach dem Motto: „Vox audita perit, littera scripta manet“ - Das gesprochene Wort verweht, das Geschriebene bleibt bestehen.

Das ungewöhnliche Zusammentreffen gibt Anlass zu einem intensiven Gespräch mit den Geschäftsführern vom Millennium Liber Verlag. 2003 wurde der Verlag mit Niederlassungen in Madrid und Barcelona aus dem Wunsch heraus geboren, die Kultur des Humanismus und der Geschichte mittels Faksimile-Editionen zu bewahren. „Unsere Bücher entreißen einzigartige Werke der Vergessenheit“, so Alberto Sánchez Nieto, der auf der Suche nach Schätzen aus der Vergangenheit in Berlin fündig wurde. Bei einem Gespräch mit Professor Dr. Everardus Overgaauw, Leiter der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, wurde er in der Gruppe der Zimelien auf eine kostbare Gebetbuchhandschrift aus dem ausgehenden Mittelalter  aufmerksam. Wertvolle Schriften und Dokumente mit Unikat-Charakter bezeichnen Bibliothekare als Zimelien, die dem Benutzer in der Regel nur auf Antrag und in gesonderten Lesesälen zur Einsicht vorgelegt werden.

Als ein besonderes Exemplar von bemerkenswerter Qualität zählt hierbei das Herrenalber Gebetbuch. Es ist eine der wenig erhaltenen Handschriften, die als Einzelexemplar  ausschließlich der individuellen, „stillen“ Andacht eines Gläubigen diente und bis  heute in seiner ursprünglichen Form als Buchblock erhalten ist. Es ist 103 Blatt stark und seine 20 x 14 cm großen Pergamentblätter sind in zwölf Lagen gebunden.

 

 

 

v.l.n.r.    Alberto Sánchez Nieto mit dem in Leder gebundenen Faksimile und aufwändig gestaltetem Titelrelief      -    Sabine Zoller - Historikerin aus Bad Herrenalb mit der spanischen Broschüre  zum Faksimile  -     Jorge Fernández Pardo zeigt eine der prunkvollen Doppelseiten des Gebetbuches

 

Fasziniert von der Ausstattung und den farbenprächtigen, ganzseitigen Miniaturen, der genauen Datierung und die Informationen darüber, wann, wo, von wem und für wen das Gebetbuch geschrieben worden war, bekräftigten die Spanier in ihrem Entschluss, das Herrenalber Gebetbuch als Faksimile neu aufzulegen. „Es handelt sich um ein wahres Juwel aus der Zeit der Zisterzienser, und zwar nicht nur aufgrund des Inhalts, sondern auch wegen der Qualität der Malereien und Abbildungen“, so Jorge Fernández Pardo, der schmunzelnd ergänzt: „Wir möchten diesen Schatz, der bis dato nur Wissenschaftlern nützlich war einem breiten Publikum weltweit zugänglich machen.“

Mittlerweile sind zwei Jahre ins Land gezogen. 2016 waren die umfangreichen technischen und handwerklichen Arbeiten für eine originalgetreue Wiedergabe noch lange nicht abgeschlossen. Um den Geist und die Anmutung des Originals zu erfassen müssen alle sichtbaren Charakteristika des Originals wie Farben, Gold, Silber, Altersspuren oder Unregelmäßigkeiten perfekt wiedergeben sein.

 

 

Christus vor Pilatus - Händewaschung - Foto 2017 von der Reproduktion

 

Erst im Herbst 2017 gab es auf der Buchmesse in Frankfurt die ersten Verlags-Exemplare zu sehen. Das notariell beglaubigte und in Leder gebundene Faksimile ist ab Januar 2018 in einer limitierten Auflage von 995 Exemplaren erhältlich.

Anlass, um knapp 20 Jahre nach dem 850jährigen Gründungsjubiläum des  Zisterzienserklosters Herrenalb in 1999 die originalgetreue Reproduktion auch in Bad Herrenalb zu präsentieren. Geplant ist ein Termin im Frühsommer 2018,  der in Kooperation mit Klassik im Kloster von einem Konzert begleitet wird.

 

Sabine Zoller MBA, M.A.

 

 

 

 

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